allen ueberlegen, spiessig und armselig…

… oder einfach nur deutsch?

Dieser Eintrag fällt in die Kategorien „Erasmus“, „verwirrt“ und „frustriert“… Ich bemühe mich um Befüllung der letzten verbleibenden Kategorie „fröhlich“. Diese zu füttern fällt nicht so leicht, weil die fröhlichen, bereichernden, aber nicht extraordinären Eregnisse und Momente schnell hinter den schwierigen, traurigen und negativ-nachdenklichen verschwinden.

Was ist das Tolle und Bereichernde an Erasmus? Diese Frage stelle ich mir täglich. Mehrmals. Eine Antwort habe ich nicht, aber ein paar Ideen:
– Kennenlernen eines (mehr oder weniger) neuen, fremden Landes mit dazugehörigen
– (mehr oder weniger) neuen, fremden Eigenarten, Menschen, Perspektiven auf die Welt und das Leben
– Eintauchen in eine Partykultur fernab vom gewohnten Alltag, überhaupt
– Loslösung vom gewohntem Alltagstrott
– Abstand und Möglichkeit zur Reflexion über sich selbst und eben diesen Alltag
– Abstand von sich selbst oder das Finden der eigenen Identität
– Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit vom Gewohnten
– Sternchen im Lebenslauf
– Herausforderung für das Alleinsein, -zurechtkommen, -wohlfühlen
– Gelassenheit und Offenheit
– Ablegen von Vorurteilen
– Bestätigung von Klischees
schnelle und (mehr oder weniger) oberflächliche Bekanntschaft mit vielen neuen Menschen aus aller Welt nebst
– Einblick in die Vielfalt der Kulturen, Verhaltenweisen und Eigenarten eben dieser

Ja. Die wunderbaren Eigenarten der Menschen. Meine Phobie gegen unsere Spezies ist bisher nicht geringer geworden hier. Im Gegenteil. Ich habe zwar akzeptiert, dass ich mir die Menschen, mit denen ich mich umgebe, hier noch weniger aussuchen kann als sonst und ich habe akzeptiert, dass sie alle irgendwie unterschiedlich sind, alle ihre verfluchten Eigenarten haben und trotzdem in irgendeiner Weise liebensmögenswert sind und es mich gar nicht umbringt, mit ihnen Zeit zu verbringen, obwohl sie einen Großteil meiner Auffassungen nicht verstehen, belächeln, ablehnen. Dennoch umgibt mich eine permanente Spannung, eine permanente unterdrückte Wut auf die Menschen… Warum müssen sie so anders sein als ich? Wie überleben SpanierInnen und ItalienerInnen eigentlich ohne Zeit? Wie können Menschen in dieser Welt existieren ohne Dinge zu organisieren, ohne konkrete Planung? Offenbar können sie. Ich kann es nicht. Es fällt mir schwer zu glauben, dass es tatsächlich „nur“ die Nationalität, die gesellschaftliche Prägung ist – ihre wie meine – , die es mir unmöglich macht, mit ihnen zu interagieren. Ich fühle mich so wenig deutsch, aber ständig hält man mir hier vor, wie sehr ich doch dem deutschen Klischee entspreche… „You’re so tidy!“, „Fuck, you’re always so well organized“, „Ask her, she always carries a map with her“, „I know, you’re german, you always take care of everything“, „Of course you were right with your orientation, you’re german“, „Relax, we’re only 17 minutes late“ ……..

So Leid es mir tut und so sehr ich mich bemühe, mich den Gegebenheiten hier anzupassen, meine Gewohnheiten und Erwartungen runterzuschrauben, mich zu entspannen, alles nicht zu ernst zu nehmen (warum ist das eigentlich schlecht?), ich bin verdammt nochmal leider davon überzeugt, dass die Welt, das Leben, das Zusammensein, die Gesellschaft, alles nicht funktioniert ohne Planung und Organisation! Und wenn Menschen behaupten, bei ihnen würde das aber klappen, dann muss ich leider erwidern, dass es das (wenn dem denn so ist) nur tut, weil sie sich darauf verlassen, dass andere Menschen, die sehr wohl planen und organisieren, sie aus misslichen Situationen retten. Dass jemand anderes für sie mit eingekauft hat, jemand anderes sich um den Internetanschluss kümmert BEVOR der alte Vertrag ausläuft, jemand anderes den Stundenplan gelesen hat und weiß, wo der Raum ist, jemand anderes daran denkt, die Zugtickets rechtzeitig zu buchen, um den Frühbucherrabatt zu bekommen, jemand anderes einen Regenschirm und eine Flasche Wasser dabei hat – und vielleicht sogar einen Labello.

Scheint ein enger Verwandter von mir zu sein, dieser jemand anderes….

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Studentenpack

Montag Morgen 8:30. Nicht sonderlich früh, aber ich habe das Gefühl, es sei mitten in der Nacht. Und irgendjemand zwingt mich, mitten in der Nacht nach viel zu wenig Schlaf aufzustehen und sofort mit dem Menschlichkeitswerdungsprozess zu beginnen. Und ihn dann auch vor 9:00 abzuschließen. Heil mit dem Fahrrad den Berg runterzukommen, den richtigen Raum zu finden, den Sprachmodus der Gedankenwelt auf „Englisch (Dänemark)“ umzustellen und das Gehirn zu aktivieren.

Seit ich hier bin, bin ich selten vor 9:00 aufgestanden. Selten vor 10:00 aus der Dusche gekommen, vor 10:20 am Herd gestanden (iwo, für 9 Studenten braucht man keinen Wasserkocher…..), selten vor 10:45 mit Tee am Schreibtisch gesessen und noch viel seltener vor 12:00 aus dem Haus gegangen.
Vielleicht mag das daran liegen, dass ich seltenst vor 2:00 ins Bett gegangen bin.

PS: Vanille-Sojadrink ist ein Verbrechen! (insbesondere in Kombination mit Couscous-Gemüse.)

PPS: Dieser Eintrag gehört weder in die Kategorie „frustriert“ noch in „fröhlich“ . Bleibt nur noch „Erasmus“. Mit einer leichten Tendenz zu „verwirrt“. Aber dazu an anderer Stelle mehr.

Kore bonvena!

Nein, das ist nicht Dänisch. Und nein, auch nicht Schwedisch.

Das ist Esperanto.

Vielleicht ist es nicht die beste Idee diesen Blog mit einer Hasstirade auf die englische Sprache zu eröffnen… Also keine Hasstirade.

Wenn ich es mir wünschen könnte (oh wie wäre die Welt, wenn sie mir wünschen dürfte……), dann gäbe es an jeder Universität dieser Welt, die offen für internationalen Austausch, offen für ausländische StudentInnen ist, ein Kursprogramm in Esperanto. Gleiche Voraussetzungen für alle. Überhaupt, wenn ich es mir wünschen dürfte, dann würden alle Menschen Esperanto lernen. Dann wäre das die erste Fremdsprache in allen Schulen dieser Welt.
Vielleicht nicht dieses Esperanto. Vielleicht wäre das auch ganz schrecklich. Vielleicht ist es eine unglaubliche Bereicherung für uns alle, dass es unterschiedliche Sprachen gibt. Vielleicht ist mein Bedürfnis nach Vereinheitlichung, nach Vereinfachung, nach Gleichheit, nach Vereinigung auch gefährlich. Vielleicht einfach nur langweilig. Vielleicht nur feige.

Ich bin also Erasmus-Studentin. Zumindest gerade bin ich das. Zumindest ist das gerade eine der wenigen Eigenschaften, die ich mir mit Sicherheit zuschreiben kann.

Und ich bin frustriert. Deswegen werde ich hier gelegentlich meinen Zorn, meine Wut, meine Verzweiflung, mein Pech, meinen Hass und mein Schwarz versuchen in Worte zu fassen. Ohne jeden Anspruch auf Verständnis.

Und ich bin fröhlich. Deswegen werde ich hier gelegentlich mein Strahlen, mein Lachen, meine Freude, mein Glück und meine Farbigkeit versuchen in Worte zu fassen. Ohne jeden Anspruch auf Verständnis.

Und ich bin verwirrt. Deswegen werde ich hier gelegentlich die vielen Gedanken, die meinen Kopf durchkreisen, versuchen in Worte zu fassen. Ohne jeden Anspruch auf Anspruch.